Eine Archäologin auf Abwegen

Archaeology is the search for fact, not truth. If it’s truth you’re interested in, the philosophy class is right down the hall. So forget any ideas you’ve got about lost cities, exotic travel, and digging up the world. We do not follow maps to buried treasure, and „X“ never, ever marks the spot. Seventy percent of all archaeology is done in the library. Research. Reading.

Dr. Henry Walton Jones Jr. 
Archaeologist & Treasure Hunter

Einmal Archäologin, immer Archäologin

Ja, ich bin tatsächlich Archäologin. Ich habe an Ausgrabungen teilgenommen, viele Stunden mutterseelenallein in einem muffigen Keller Fundstücke katalogisiert und rund 10 Jahre lang in verschiedenen namhaften Museen Ausstellungen mitgestaltet und interessierten Besuchern aber auch internationalen Kollegen die vorrömische Eisenzeit näher gebracht.

Mit dem Archäologiestudium habe ich mir gewissermaßen einen Kindheitstraum erfüllt. Ich hatte das Glück, meine Kindheit in einer hessischen Kleinstadt zu verbringen. Unser Haus befand sich am Ortsrand. Gleich auf der anderen Straßenseite erhoben sich der Wald und ein majestätischer Sandsteinbruch. Von der mittelalterlichen Altstadt mit ihrer Wasserburg, ihren Fachwerkhäusern und Wehrtürmen trennte mich ein großer, verwilderter Park. Den Großteil meiner Freizeit verbrachte ich in der freien Natur, kletterte auf Bäume, fing nur mit einem kleinen Netz bewaffnet Fische im nahegelegenen Bach, baute Höhlen und Häuser im Unterholz oder tobte durchs hüfthohe Gras wilder Wiesen. Meine Hosen hatten Grasflecken an den Knien, aber natürlich nur, solange diese noch nicht komplett durchgescheuert waren. Meine Beine waren voller blauer Flecke und Kratzer. Und es kam mehr als einmal vor, dass ich – durchnässt bis auf die Haut – mit nur einem Gummistiefel nach Hause kam, weil der Zweite im tiefen Morast unwiederbringlich stecken geblieben und versunken war.

Doch auch direkt vor der Haustür – oder besser gesagt hinter unserem Haus – gab es viel zu erleben: Unser Grundstück hatte den ehemaligen Bewohnern des historischen Sandsteinhauses nebenan über lange Jahre als Schutthalde gedient und so grub ich zusammen mit meinem Vater im Garten nicht nur Regenwürmer, sondern auch echte „archäologische“ Schätze aus. Ein altes Steinwaschbecken wurde zur Vogeltränke umfunktioniert. Aber auch ein mechanischer Wecker, ein Fahrrad, diverse neuzeitliche Scherben, Tierknochen und ähnliches zählten zu unseren Funden.

Das Graben und die „Arbeit“ unter freiem Himmel haben also schon immer einen integralen Bestandteil meines Lebens ausgemacht. Selbstverständlich habe ich auch schon als Kind die Indiana Jones-Filme geliebt und später mit meinem großen Bruder Tomb Raider gespielt.

The Science of Deduction

Abgesehen vom Duft des Abenteuers zog mich auch der „detektivische“ Aspekt der Archäologie geradezu magisch an. Natürlich geht es bei der archäologischen Arbeit in den seltensten Fällen um kriminelle Machenschaften. Aber ganz wie der Detektiv Indizien sammelt, um aus ihnen den Hergang eines Ereignisses zu rekonstruieren, wertet der Archäologe Funde aus, recherchiert und vergleicht, um Erkenntnisse über unsere Geschichte zu gewinnen und den Fund in seinem Kontext zu verstehen. Dabei sind es nicht die „Jahrhundertfunde“, sondern die kleinen, unscheinbaren Relikte, die uns helfen die Vergangenheit zu entschlüsseln.

Als Kind hatte ich Schubladen voller Detektivgimmicks aus einschlägigen Zeitschriften, habe die Hörspiele der „Drei ???“ rauf und runter gehört und abends mit meinem Vater im Fernsehen „Mord ist ihr Hobby“ und „Columbo“ geschaut. Später habe ich dann Agatha Christie und Arthur Conan Doyle für mich entdeckt. Immer, wenn es darum ging Rätsel zu lösen oder Geheimnisse zu ergründen, war ich zur Stelle. Mit einem Meister wie Sherlock Holmes könnte ich es selbstverständlich nicht aufnehmen. Ich wage aber zu behaupten, nicht nur über einem aufmerksamen Blick für Details zu verfügen, sondern auch über die Fähigkeit, Muster und Strukturen zu erkennen und zu analysieren.

Dieser Vorliebe ist wohl auch meine Spezialisierung auf die Kultur der Kelten zuzurechnen – eine Kultur an der Schwelle zur Hochkultur, am Übergang von rein materieller zu schriftlicher Überlieferung, mit einem extrem großen Verbreitungsgebiet und der damit einhergehenden Vielfalt, so greifbar, dass man sich zwar ein recht umfangreiches und teilweise auch detailliertes Bild von ihr machen kann, aber gleichzeitig noch so weit im Nebel der Geschichte verborgen, dass ihr der Hauch des Mysteriösen, ja fast schon des Phantastischen anhaftet.

To many, perhaps to most people outside the small company of the great scholars, past and present, ‚Celtic‘ of any sort is a magic bag, into which anything may be put and out of which almost anything may come. Anything is possible in the fabulous Celtic twilight, which is not so much a twilight of the gods as of the reason.

J.R.R. Tolkien
Linguist & Godfather of Epic Fantasy Novels

Die Magie der Worte

Dass wissenschaftliches Arbeiten zu einem großen Teil aber auch aus Lesen besteht, kam mir durchaus entgegen, denn ich lese – seit ich es mir im Kindergartenalter auf eigene Faust angeeignet habe – für mein Leben gern! In meiner Kindheit und Jugend verschlang ich regalmeterweise Bücher und ging schließlich auch dazu über, mich aus dem Regal meines großen Bruders zu bedienen. Auf die Klassiker von Astrid Lindgren oder Michael Ende folgten Tolkien, Herbert und King. So manchen dicken Wälzer verleibte ich mir oft innerhalb weniger Tage und Nächte ein. In der Schule dagegen ging es weniger phantastisch zu, aber die große deutsche – und englische – Literatur begeisterte mich ebenso. Goethe, Schiller, Frisch, Storm, Mann und Hesse fanden sich bald ebenso in meinem Regal wie Shakespeare, Wilde, Poe und Dickens. Bis zum Beginn meines Studiums hatte ich somit bereits eine ansehnliche kleine Bibliothek aufgebaut. Erweitert wurde sie durch die schlichte Tatsache, dass ich auf dem Weg von meiner Wohnung zur Uni täglich an einem Antiquariat vorbeiging. Um genau zu sein, ging ich meistens nämlich nicht vorbei, denn ich konnte dem betörenden Duft der Bücher einfach nicht widerstehen.

Meiner Bibliophilie habe ich deshalb auch gleich noch mit einem zweiten Orchideenfach Rechnung getragen: Sprach- und Literaturwissenschaft, genauer gesagt Keltologie (und obwohl das Fach so heißt, hat es mit den archäologischen Kelten nichts zu tun). Ich habe mittelalterliche irische und walisische Texte übersetzt, interpretiert und in ihren historischen Kontext eingeordnet – teilweise profane Rechtstexte, auch Heiligenlegenden, aber vor allem Erzählungen, die auf eine noch ältere, mündliche Überlieferung zurückgehen. Diese Geschichten dienen mir jetzt als Inspiration – unter anderem für meinen Ulsterzyklus.

It’s all in my head

Ebenfalls in meiner Jugend habe ich Pen&Paper-Rollenspiele (und kurz darauf auch LARP) als Hobby für mich entdeckt. Eine Figur mit Stärken und Schwächen, mit einem einzigartigen Charakter und mehr oder weniger liebenswürdigen Macken zu erschaffen und gemeinsam mit Freunden phantastische Abenteuer erleben zu lassen, war (und ist) immer wieder eine großartige Erfahrung. Noch besser war nur das Gefühl, Nerd unter Nerds zu sein – dass ich die einzige Frau in der Runde war, spielte keine Rolle. Dort, zwischen Softdrinks, Pizza vom Lieferdienst und vielen, vielen Würfeln, waren meinem Geist keine Grenzen gesetzt.
Bald gründete ich meine eigene Gruppe und dachte mir selbst Abenteuer für meine Spieler aus. Statt Pizza zu bestellen, bereitete ich in meiner winzigen Studentenküche leckere Gerichte vor – manchmal sogar passend zum Setting des Spiels – und öffnete schonmal eine Flasche Wein. Wir und unser Spiel wurden erwachsen, aber wir haben nie aufgehört, neue Welten zu erkunden.

So unlogisch und spontan mir nach meiner Schulzeit der Entschluss schien, Archäologie und Keltologie zu studieren, so zwingend logisch erscheint er mir rückblickend. Und ebenso unausweichlich erscheint es mir, die Idee, die bereits während meines Studiums zu keimen begann, jetzt, viele Jahre später, in die Tat umzusetzen: eigene Bücher zu schreiben. Letztlich ist meine Autorentätigkeit nichts anderes als ein neues Kapitel meiner langen Geschichte, meiner ganz persönlichen Heldenreise. Ich schöpfe aus all meinen Erfahrungen und meinem Wissen und erschaffe mir eine Welt, ganz wie sie mir gefällt – hart und schmutzig, aber auch alt und geheimnisvoll – in der meine Figuren allerlei Gefahren begegnen, allen voran den Dämonen in ihrem Inneren.